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Im Labyrinth der Zeichen
1991 bis 1993
Verrätselung und Imagination
Einschnitte in die Welt der Alltagsmythen
Mit dem Verhältnis von Fotografie und öffentlichem
Raum hat sich Wolfgang Zurborn mehr als ein Jahrzehnt auseinandergesetzt.
Dabei geht es ihm weder um objektive Dokumentation von Stadtlandschaften
noch um journalistische Beobachtung menschlichen Verhaltens.
Vielmehr stellt Zurborn auf fotografischem Wege die philosophische
Frage: "Inwieweit ist für das Subjekt im digitalen
Medienzeitalter ein individuelles Erkennen und Handeln im
Kontext alltäglicher Öffentlichkeit noch möglich?
Diashow
  
Alltagswelten und Bilderwelten verschränken sich im Bewußtsein
des Einzelnen dialektisch; die Ansichten der tagtäglich
im Umbruch befindlichen Lebenswelt sind mit omnipräsenten
Medienbildschöpfungen bis zur Unkenntlichkeit verschweißt.
Verkehrsterminals, Konzertwiesen, Stadien, Einkaufszentren,
Industrie- und Freizeitparks stellen für Zurborn die
Einfallszonen der Medien dar, in denen das Verhältnis
von Mensch und öffentlichem Raum völlig neue Aggregatzustände
annimmt. Die Aufgabe der klassischen Stadtarchitektur, urbane
Orte mit Institutionen einer überschaubaren Macht zu
schaffen und Plätze für die gesellschaftliche Kommunikation
und Orientierung frei mitbestimmender Bürger zu gestalten,
tritt völlig in den Hintergrund.
Mitten in den Cities und an ihren bisherigen Rändern
tauchen perfekt funktionierende Arenen der Unterhaltung, Türme
des Geldes und Passagen des Konsums auf, Transiträume
für Passanten und Passagiere, welche ohne Abstand und
Reflexion als dichtgedrängte und zugleich isolierte Gestalten,
wie zufällig, aufeinandertreffen und wieder verschwinden.
Namen und Bedeutung werden diesen geschichtslos-künstlichen
Welten von außen verliehen, durch vorproduzierte Events,
Soaps, Marken und Slogans.
Wolfgang Zurborn hat sich an diesen Unorten umgetan. In seinen
grell angeblitzten, bunt zusammengedrängten und schräg
angeschnittenen "Menschenbildern stellt er das
lebendige Chaos der Individuen dar, wie sie Seite an Seite,
gleichsam in Zeitlupe, ihren medialen Träumen nachhängen
und dabei als "Bildermenschen meilenweit von sich
selbst, voneinander und von ihren Wunschbildern entfernt sind.
Der Subtext dieser Fotografien liegt in der kombinatorischen
Spannbreite zwischen dem ironisch gebrochenen dokumentarischen
Substrat und seiner subjektiven Perspektivierung.
Aus dem Fluß der Eindrücke werden Standbilder
herausgerissen, die politisch wirken, weil sie eindringlich
Fragen zum Einfluß der populären Mythen auf die
individuelle Existenz aufwerfen, ohne griffige Lösungen
parat zu halten. Fotografie erweist sich als ironisch collagierende
Gegenkraft. Durch den "zerteilten Blick unternimmt
sie die radikale Erkundung des "Restspielraums
persönlicher Wahrnehmung und konfrontiert sie mit dem
perfektionistischen Totalitätsanspruch der Massenmedien
und ihrer vereinheitlichenden Bewußtseinsprägung.
Im "Labyrinth der Zeichen stellt Zurborn dieses
Konzept auf seine bisher stärkste Probe. Die Methode,
disparate Wahrnehmungsperspektiven in einer Bildfläche
zu komprimieren und motivische Divergenzen durch dezentrale
Komposition zu unterstreichen, wird in den vertikalen Fotokombinationen
ins Extrem gesteigert. Damit kann sich der ästhetische
Eigenwert der perspektivischen Individuation in vollem Umfang
entfalten und die visuelle Dissonanz des heutigen öffentlichen
Raums freilegen.
Die radikale Ausschnitthaftigkeit der übereinander montierten
Aufnahmen intensiviert den Netzwerkcharakter der Ansicht.
Jedes Teilbild weist ein sinnliches Geäder scharfer und
unscharfer Zonen auf; ihr jeweiliger Abstraktionsgrad schafft
einen Balanceakt zwischen der Freiheit zur assoziativen Betrachtung
und dem unleugbaren Bezug zur gesellschaftlichen Realität.
In den situativen Einzelbildern der Serie "Menschenbilder
- Bildermenschen wurde der kontingente szenische Zusammenhang
durch ausgeklügelte exzentrische Kompositionen aufrechterhalten
und zugleich durch zahllose Verweise über den Bildrand
hinaus, ins Off aufgebrochen.
Im "Labyrinth der Zeichen ist die vorgebliche
Kohärenz der Welt, die vermeintliche Einheitlichkeit
von Raum, Zeit und Ort grundsätzlich zersplittert. Die
Fragmente alltäglicher Wahrnehmung sind bis an die Grenze
des Noch-Erkennbaren reduziert. Zur Disposition stehen die
Identifikation jedes einzelnen Bruchstücks und die Erschließung
seiner kontextuellen Bedeutsamkeit durch den Betrachter. Zurborn:
Die Materialien, Flächen, Farben und Linien gewinnen
eigentümlichen Zeichencharakter, werden verrätselt
und beginnen miteinander zu spielen, über die Grenzen
der einzelnen Bildsegmente hinaus. Der Sinn dieses Rätsels
besteht darin, daß es keine Auflösung gibt. Die
Fotografie produziert das Labyrinth der Zeichen.
Inszeniert wird die Auseinandersetzung des behutsam suchenden
Blicks mit der Vielschichtigkeit der Welt und ihrer permanenten
Veränderung, die Genealogie des fotografischen Sehens
diesseits der tautologischen Klischees, ein erfindendes Anschauen,
das die produktive Ergänzung des Betrachters herausfordert.
Die virtuelle Szenerie, in der die Dinge sich begegnen oder
aufeinanderprallen, liegt nicht mehr außerhalb des fotografischen
Blicks, nicht in einer vorgegebenen Ordnung, sondern ist in
der erkennenden Imagination des Subjekts begründet.
Wolfgang Zurborns Fotografie versteht sich als Medium eines
aktiven Erkenntnis-prozesses, der mit der Dynamik des letztlich
unkontrollierbaren öffentlichen Raums korrespondiert.
Gläserne Durchblicke, rauhe Überlagerungen, irritierende
Verzerrungen, massive Blöcke und poröse Risse, verhaltene
Überleitungen und gewagte Sprünge, vermeintliches
Drinnen und trügerisches Draußen, semantisch ausbalancierte
Konglomerate und stärker narrativ ausgerichtete Collagen,
- das kompositorische Spektrum der "Labyrinth-Arbeiten
ist weitgesteckt, um die Erfahrung heutiger Alltagswahrnehmung
in ihrer lebendigen Komplexität und ihrem rasant beschleunigten
Wandel zu erfassen.
Peter V. Brinkemper
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