Amsterdam

   

 

 
 
 

 

   

 

 
 


fotografiert mit dem Nokia 6680

für das Magazin Blogga

 

 

Diashow Amsterdam

 

Im Mai 2005 hatte ich die Möglichkeit, für das Magazin Blogga Amsterdam mit dem Fotoandy Nokia 6680 zu erkunden. Das lebendige Chaos des Straßenlebens mit der Fülle unterschiedlichster Szenerien faszinierte mich am meisten und das Fotohandy erlaubte mir, mit großer Flexibilität und Spontanität auf das komplexe Geschehen zu reagieren. So konnte eine Bildfolge entstehen, die den Betrachter in einen Strudel subjektiver Eindrücke hineinzieht, gleichzeitig etwas über den beschriebenen Ort erzählt und freiraum für eigene Imaginationen läßt.

 

Auf Montage in Amsteradm
von Peter Schuffelen

Welche Wahrheit ist die wahre? Ist es meine oder deine? Ist gar Werthers echter? Ist sie schlechter? Diesen oder ähnlichen Fragen mag der Fotokünstler und Wirklichkeits-Dompteur Wolfgang Zurborn in Amsterdam nachgegangen sein – wir wissen es nicht genau. Was wir genau wissen, acht Handygrafie-Stunden später, ist: Aus dem Labyrinth der Zeichen gibt’s kein Entweichen. Absinthologe Van Gogh hätte diese Erkenntnis ein weiteres Ohr kosten können, wir hartgesottenen Absurdoholiker von heute aber putzen uns lediglich die Augen und fragen: Wer bin ich, und wenn ja wie viele?
27,5, lautet die korrekte Antwort, jedenfalls was mich und meine Über-, Unter- und Neben-Ichs betrifft, und auch du, werter Freund, siehst nicht gerade übersichtlich aus. Gemeinsam sehen wir: Kategorien wie „Wir“ und „Wirklichkeit“ übersteigen schnell die Möglichkeiten des Ausmal- oder Fotografierbaren. In Worten sind sie kaum zu fassen, wie dieser Text beweist, und in Bildern auch nur, wenn man mental und technisch ähnlich geil gerüstet ist wie der mobile Meister (Zurborns Großhirn-Gyris plus Nokias Imaging-Phone 6680). Der Marquis, wie ihn seine Freunde nennen, weil Zurborn dem Marquis de Sade gleicht wie ein Drill-ihn dem anderen, hat mal wieder zugeschlagen. Doch anders als sein Spitznamensgeber nicht mit Peitsche oder Prügel. Marquis de Dada schlägt weitaus spitzfindiger: Er lässt Ottonormalbetrachter einfach mal durch seine Dadaisten-Brille gucken, bis ihm flau ums Hirn wird.

Was die etwas Weitsichtigeren betrifft, also dich und mich, so brauchen wir einen vernünftigen Ausguck für den Überblick. Also spielen wir mal „Being Wolfgang Zurborn“ und steigen über die Hintertreppe in den Kopf des Fotografen. Ein Blick durch sein Fotohandy auf die Hauptstadt der Tulpen und Wasserpfeifen und wir verstehen: Die Wirklichkeit ist nicht wirklich wirklich. Unwirklich aber ist sie auch nicht. Eher schon eine von 27x102738478887 Realitäts-Radierungen in den Hirnwindungen eines jeden Weltverschubladers. Kurz gesagt: Nichts ist sicher, und also musste Zurborn to be wild mal wieder auf Montage, diesmal in Kaaskopfhausen. Montiert hat er mal dies&das und auch noch jenes, alles ohne Sinn und mit viel Verstand und Bildwitz obendrein. Ein wenig gequält lächelt nur das Amsterdamer Stadtbild, dem der zurbornsche Irrwitz noch in den Grachten sitzt.
Veramsterdammtnochmal, in welchen Bildern sind wir da bloß gelandet? Allein der Babelfish (ihr wisst schon, der kleine Gehirnstrom-Verputzer aus „Per Anhalter durch die Galaxis“) wäre wohl fähig, ihren Metatext zu lesen. Doch der säuft sich im Restaurants am Ende des Universums die Huckenflosse voll, und die Fortbildung zum Bildsprachenkorrespondent hat er auch geschwänzt. Macht nicht’s, sagt Zurborn, Sprachschule brauchen wir eh nicht – schließlich schauen die Dinge auf uns, nicht umgekehrt.

 

 

 

 

 



So liegen sie also darniederlanden, die Gewiss- und Neunmalklugheiten. Da beschränkt sich nicht nur Michaels Schanze auf Erkenntnis auf ein: „Eins, zwei oder drei, du musst dich entscheiden!“. Wir versuchen’s: Was sagt uns unser erster Blick? Es wächst zusammen, was nie und nimmer zusammengehört. Na ja, vielleicht ja doch, widerspricht der zweite, ehe ihm die zurbornsche Ausschnittheftigkeit die Netzhaut vernebelt. Der wahre Zurbornografie-Rausch aber heißt: Hiebe auf den dritten Blick. Die machen dem Kopf vielleicht ein wenig Aua, den Wanst dafür aber zum Lachbrettbauch.
Bleibt die Frage: Wer braucht schon Drogen, wenn er sich mit Bildern zurbornen kann. Zumal blogga! die Hasch-mich-ich-bin-die-Realitätärätätä-Pics des Meisters frei Haus liefert – ganz ohne Kater, Trackbacks oder Ärger mit den Uniformierten. Einmal richtig falsch hingeguckt, und schon ist der Kopf verdreht – da muss man sich nicht noch zusätzlich einen auf die Lampe geben. Anders gesagt: Die Realitätsflucht, die Sozial- und andere Ich-versteh-dich-Experten dem Rauschwilligen gemeinhin unterstellen, – sie glückt sehr wohl auch mit 0,0 Promille, THC oder MDMA im Blut. Auch Bachblüten und Apfelessig-Inhalate können in der Haus-Esotheke verbleiben. Denn treppenwitzigerweise ist der Kurzurlaub vom Alltag am einfachsten zu bewerkstelligen, wenn man direktemang hineinflieht in den Pluriversum-Pudding, der uns umwackelt. Eines der wackelpuddingflexibelsten, pluriversalsten und alltagszerbröselndsten Mitfahrgelegenheiten ins Reiche der Sinne bietet wohl das belinste Taschentelefon. Meister Zurborn jedenfalls, der sein Bildunwesen für gewöhnlich nur mit schwer-analogem Mittelformatgerät treibt, weiß dies nach seinem Camphone-Trip to Tulpolandia zu berichten: Matchbox- statt Blackbox-Fotografie, und die Aussicht ist wie nie.

Zuvor hatte sich der Zeichenzersetzer und Trugbild-Traktierer bereits seinen Grundschulunort Ludwigshafen zur Linse genommen – eine Auftragsarbeit, die er dazu nutzte, die Stadt solange auf den Kopf zu stellen, bis einige Fotoakademiker sagten: das ist ja gar nicht Ludwigshafen. Richtig, antwortete Zurborn, wenn überhaupt ist das Meinheim. Oder Ludwigs Hafen im Lichte meines hellen Hinterstübchens. Meiner Camera illuminata, um genau zu sein. In ’ne Stadt regnet’s rein, auf Bilder regnet’s drauf – das ist der Unterschied! Das ging den Saubermännern im Land der Kulturrichter und -henker dann doch zu weit. Das Urteil lautete: Kameraführerscheinentzug wegen Freudentrunkenheit am Mehrsinn-Steuer. Und die Anklage legte noch eins drauf und fragte: Wo bleibt das ordnende Prinzip, für das die deutsche Fotografie in aller Welt gerühmt wird? Ja, wo bleibt es denn, möchte man da zurückfragen. „Ordnung ist das halbe Leben“? Einverstanden! Doch nur wer zwei und drei und auch noch p mal Daumen versteht, begreift: Das ganze, das pralle Leben tanzt lieber Voodoo in Entropien als Walzer in den gemäßigten Breiten. Will heißen: Alles strebt dem größtmöglichen Chaos zu und fühlt sich so wohl dabei wie Pudel und Sau beim GV. Denn Mensch und Welt absilbern, das kann jeder Ritschratschklick-Verdumpfte. Ein echter Marquis aber bebildert nie (und sind wir nicht alle ein wenig Marquis?). So lautet unser Schlussgebet: Gebenedeit seien die Vielsichtigen, ins Überall schielenden und Neunmal-Hingucker. Lasst euch das schauen nicht verbieten. Haltet die Ohren von mir aus steif, die Augen aber flexibel. In diesem Sinne: Keine Macht den Doofen! Omen.